Liebe Besucherin, lieber Besucher

Nach 8.5 Jahren im Gemeinderat habe ich mich entschieden, den Rat zu verlassen und einen neuen Lebensabschnitt zu beschreiten. Hier finden Sie meine Gedanken zum Abschied:

Geschätzter Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen

Vor 8.5 Jahren wurde ich in diesen Gemeinderat gewählt. Seither habe ich viel über die Stadt Zürich, über Ökologie und das Gesundheitswesen, über Hitzeminderung und Biodiversität gelernt, und ich weiss jetzt sogar was ein Stadtlabor ist – aktuell das Industriequartier. Ich habe aber auch gelernt, dass es Menschen gibt, für die Geld einfach immer im Überfluss vorhanden zu sein scheint – nämlich das aus der Staatskasse. Der sichere Staats-Job, die florierenden Steuereinnahmen, all die vielen Geschenktöpfe der Stadt, an denen man sich bedienen kann, machen es einfach, an die Unversiegbarkeit der Finanzen zu glauben. Finanzen, geschaffen durch den Kapitalismus, den man dann gerne als «böse» anprangert.

Als Unternehmerin weiss ich, dass Geld nicht einfach fliesst und daher tut es oft weh, wie wir hier im Gemeinderat mit vollen Händen Geld einfach verschleudern und den schon sehr spendablen Stadtrat oft noch überrunden. Es muss immer ein Zürcher Finish sein und weil sich das nicht immer alle leisten können, darf es bis tief in den Mittelstand gerne auch gratis sein.

Meinem liberalen Herz tut es weh, wenn ich sehe, wie der Staat in immer mehr Bereiche eingreift, entweder wohlmeinend fördernd oder kostenlos anbietend, aber gerne auch dirigierend und bestimmend. Das geht von der Kita, über den Mittagstisch, einem Detail verliebten SLöBA/V mit der strategischen Behinderung des Autoverkehrs bis hin zum veganen Menü in den städtischen Küchen oder veganem Sandwich hier im Gemeinderat.

Was mir zunehmend ebenfalls zu schaffen macht ist, dass wir nicht mehr Lösungen suchen, sondern Themen bewirtschaften, ja Ideologien leben. Es geht uns nicht mehr um Probleme, denn solche verdrängen wir lieber, wie jetzt mit der bald fehlenden Elektrizität. Es geht darum, Probleme zu schaffen, diese dann zu bewirtschaften, um dann als Partei die rettende Hand zu bieten – oder schlimmer, die anderen dafür verantwortlich zu machen, weil man nur gelernt hat, auf abstraktem Niveau zu klagen. Und so ist es auch nicht wichtig, dass hier – wie früher im Rathaus – debattiert wird. Vielmehr sind wir zu einem sendungsbewussten Parlament verkommen, deren Mitgliedern es wichtiger ist, sich auf der Grossleinwand als wichtiger Parlamentarier zu sehen, als eine angeregte Debattenkultur zu führen. Schade, hatten wir nicht die Demut und den Mut, wieder zurück ins altehrwürdige Ratshaus zurück zu kehren. Stattdessen nimmt die Debattierkultur ab und die gegenseitigen Anfeindungen zu, vielleicht nur, weil es da enger und persönlicher ist.

Wie auch immer, für mich gilt es jetzt Abschied zu nehmen. Ich tauche ein in eine neue Welt im Süden. Die wird kaum besser sein. Genau, aber sie wird mich mit viel Neuem konfrontieren und geistig wie kulturell herausfordern. Auf diese Herausforderungen freue ich mich riesig.

Ihnen hier im Rat wünsche ich, dass sie wieder mehr Debattieren, gemeinsam – und nicht nur auf Ihrer jeweiligen Ratsseite – Lösungen suchen und wieder mehr miteinander statt gegeneinander politisieren. lösungsorientiert statt ideologiegeschwängert.

In diesem Sinne sende ich liberale Grüsse an Sie alle und wünsche Ihnen «meh blau» im Sinne von mehr Freiheit und mehr Glauben an eine attraktive Zukunft.

Herzlichst,
Ihre Elisabeth Schoch

14. September 2022